III Dokmentation und Datensätze

Staaten

Bayern (1820-1914)

 

Staatsgebiet

Das Königreich Baiern, seit 1828 offiziell "Bayern" geschrieben, befindet sich in Süddeutschland. Es besteht aus den zwei getrennt voneinander liegenden Landesteilen Pfalz und Bayern sowie der Exklave Kaulsdorf, welche sich zwischen Sachsen-Coburg-Saalfeld und Schwarzburg-Rudolstadt befindet. Angrenzende Staaten des bayerischen Hauptteils sind im Westen Hessen-Darmstadt, Baden und Württemberg, im Nordwesten Hessen-Kassel, im Norden die thüringischen Staaten Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Hildburghausen, Sachsen-Coburg-Saalfeld, Reuß-Ebersdorf und Reuß-Lobenstein sowie das Königreich Sachsen. Im Osten und Süden Bayerns liegt das Kaisertum Österreich. Die Pfalz grenzt im Westen an die preußische Provinz Niederrhein, das zu Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörende Fürstentum Lichtenberg und die zu Hessen-Homburg gehörende Herrschaft Meisenheim. Im Norden befindet sich die hessen-darmstädtische Provinz Rheinhessen, im Osten das Großherzogtum Baden und im Süden Frankreich. In bayerischem Staatsgebiet befinden sich die zu Sachsen-Hildburghausen gehörenden Enklaven Nassach, Erlsdorf und Königsberg sowie die Sachsen-Weimar-Eisenacher Enklave Lichtenberg. Hauptstadt und Regierungssitz ist München. Hauptresidenz ist neben München Schloss Nymphenburg, eine Sommerresidenz befindet sich seit 1852 in Edenkoben (Pfalz).

 

Geographie/Topographie

Für das Gebiet des Königreichs Bayern wird 1840 eine Fläche von 1.387 Quadratmeilen angegeben. Der GIS-Wert beträgt 76.321km². Nach Österreich und Preußen bildet Bayern das drittgrößte Land des Deutschen Bundes. Das Königreich besteht aus zwei geographisch getrennten Landesteilen. Der größere Hauptteil wird von den Alpen, dem Böhmerwald, dem Thüringer Wald und der Hohen Rhön umschlossen und gehört überwiegend zum Donaugebiet. Der kleinere Teil, die Pfalz, liegt westlich des Rheins und gehört zum Rheingebiet. Höchste Erhebung des Landes ist die in den Bayrischen Alpen gelegene Zugspitze mit 2.964m Höhe. In der Pfalz erhebt sich das Haardtgebirge mit dem 687m hohen Donnersberg. Mehr als ein Drittel des Landes ist bewaldet. Die meisten Flüsse Bayerns gehören den Gebieten der Donau und des Mains an, wobei die Donau der Hauptfluss des Landes ist und das Gebiet in Nord- und Südbayern teilt. Die vier größeren Nebenflüsse der Donau von Süden her sind Iller, Lech, Isar und Inn. Der Donau entgegen fließen von Norden her Altmühl, Naab und Regen. Bedeutende Nebenflüsse des Mains sind auf bayerischem Gebiet Rodach, Saale, Kinzig, Nidda, Regnitz und Tauber.
Die Ostgrenze der Pfalz bildet auf einer Länge von 86km der Rhein, dem im Pfälzer Gebiet die Flüsse Lauter, Queich und Speyer zufließen. Vornehmlich in Südbayern befinden sich zahlreiche Seen, von denen der Chiemsee mit 192km² der größte ist. Wegen der Höhenlage und der Nähe zu den Alpen herrscht in Bayern weitgehend raues Klima. Nur im Rhein- und Maintal ist das Klima mild.

 

Geschichte bis 1815/20

Die Anfänge des bayerischen Stammesherzogtums gehen auf das 6. Jahrhundert zurück, als sich neben den Alemannen die namengebenden böhmischen Bajuwaren im Donau- und Alpenraum ansiedelten. Auf Salier und Welfen folgten 1180 die Wittelsbacher als Pfalzgrafen. Mit der Teilung Bayerns 1254/55 entstanden die Gebiete Oberbayern, zu dem bis 1294 die mit der Kurwürde versehene Pfalzgrafschaft bei Rhein und der Nordgau gehörten sowie das zwischen Reichenhall, Cham, Freising und Landshut gelegene Niederbayern. Das seit 1623 mit der Kurwürde versehene Herzogtum Bayern ging nach dem Tod des letzten bayerischen Wittelsbachers 1777 an die pfälzische Linie unter Karl Theodor (1724-1799). 1779 fiel das bayerische Innviertel an Österreich und 1797/1801 u.a. die linksrheinische Pfalz und Jülich an Frankreich. Da Karl Theodor keine erbberechtigten Nachfahren hatte, vereinigte 1799 Maximilian IV. Joseph (1756-1825; ab 1806 Maximilian I. Joseph), aus der Linie Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld die wittelsbachischen Länder. Gemeinsam mit seinem 18 Jahre lang regierenden Staatsminister Maximilian Joseph Graf von Montgelas (1759-1838) schuf der 1806 zum König erhobene Maximilian I. Joseph mit zahlreichen Reformen und Strukturveränderungen sowie einer ersten Verfassung im Jahre 1808 einen modernen Staat nach französischem Vorbild.
Im Reichsdeputationshauptschluss 1803 erhielt Bayern als Entschädigung für die verlorenen linksrheinischen Gebiete zahlreiche mediatisierte Städte und säkularisierte Kirchengüter, darunter die Hochstifte Bamberg, Augsburg, Freising und Passau, verlor aber die rechtsrheinische Pfalz an Baden. Nach dem Frieden von Pressburg 1805 fielen u.a. die österreichische Grafschaft Tirol, die Reichsstadt Augsburg sowie die Städte Eichstätt und Passau an Bayern. 1806 wurde das Königreich Bayern Gründungsmitglied des Rheinbunds. 1813 schloss sich Bayern der antinapoleonischen Koalition an. Auf dem Wiener Kongress erhielt das Königreich die linksrheinische Pfalz zurück und zudem das Maingebiet von Würzburg bis Aschaffenburg; Tirol musste wieder an Österreich abgetreten werden. Mit dem Versuch, auf Kosten Badens die rechtsrheinische Pfalz um die alte Residenzstadt Mannheim wiederzuerlangen und damit die beiden bayerischen Landesteile zu verbinden, scheiterte Maximilian I. Joseph jedoch.

 

Staats- und Regierungsform, Herrscherhaus

Das Königreich Bayern ist eine Monarchie. Die regierenden Monarchen stammen aus der Wittelsbacher Linie Zweibrücken-Birkenfeld. In direkter Linie regieren zunächst Maximilian I. Joseph (reg. 1799-1825), Ludwig I. (reg. 1825-1848), Maximilian II. (reg. 1848-1864) und Ludwig II. (reg. 1864-1886). Aufgrund eines medizinischen Gutachtens, das Ludwig II. paranoide Schizophrenie bescheinigt, vollzieht das Ministerium am 9. Juni 1886 die Entmündigung des Königs und setzt dessen Onkel, Erbprinz Luitpold, als Regenten ein. Mit dem Tod Ludwigs II. am 13. Juni 1886 wird formal sein jüngerer Bruder Otto (1848-1916) König von Bayern. Da dieser wegen Geisteskrankheit regierungsunfähig ist, übernehmen Prinzregent Luitpold (reg. 1886-1912) und dessen Sohn Ludwig III. (reg. 1912-1918) die Regentschaft.
Die am 26. Mai 1818 von Maximilian I. Joseph oktroyierte Verfassung hat im Wesentlichen bis zum Ende des Königreichs 1918 Bestand. In der Präambel werden nach Vorbild der französischen Charte constitutionelle von 1814 die Grundrechte garantiert, darunter die Gleichheit vor dem Gesetz sowie Meinungs- und Gewissensfreiheit. Gemäß dem "monarchischen Prinzip" ist der König alleiniger Träger der Staatsgewalt und hat allein das Recht, die Minister seines Vertrauens zu berufen. Der Landtag besteht aus zwei Kammern. In der ersten Kammer, der "Kammer der Reichsräte", sind die volljährigen Prinzen des königlichen Hauses, die "Kron-Beamten des Reiches", die beiden Erzbischöfe, die Häupter der ehemals reichsständischen fürstlichen und gräflichen Familien sowie andere vom König erblich oder auf Lebenszeit ernannte Mitglieder vertreten. Die zweite Kammer hat bis 1848 einen ausgeprägt ständischen Charakter. Sie setzt sich aus fünf Klassen von Abgeordneten zusammen, die sich aus adeligen Grundbesitzern, Geistlichen der beiden Konfessionen, Abgeordneten der Städte und Märkte und Mitgliedern der Klasse der "übrigen Landeigentümer" rekrutieren. Dazu kommen noch je ein Vertreter der drei Landesuniversitäten. Die Abgeordneten werden indirekt über Wahlmänner auf der Basis eines Zensus bestimmt. Als wichtigste Rechte stehen den beiden Kammern das Steuerbewilligungsrecht, eine entscheidende Mitwirkung an der Gesetzgebung und das Petitions- und Beschwerderecht zu.
Im Zuge der Revolution von 1848 werden die Rechte des Landtags um die Ministerverantwortlichkeit und das Recht der Gesetzesinitiative und die Grundrechte um Presse- und Versammlungsfreiheit erweitert. Die zweite Kammer wird nun zu einer repräsentativen Volksvertretung, deren Abgeordnete zwar weiterhin indirekt und öffentlich, aber zu einem deutlich niedrigeren Zensus und nach Wahlkreisen gewählt werden. Erst 1881 werden geheime Wahlen durch Stimmzettel ohne Unterschriften eingeführt.

 

Territoriale Aufteilung/Verwaltungsstruktur

Bereits 1808 wurde im Königreich Bayern nach französischem Vorbild eine Kreisstruktur eingeführt und die zunächst 15 Kreise nach Flüssen benannt. Nach der Verordnung vom 20. Februar 1817 wird die Anzahl der Kreise auf acht reduziert und zwar den Isarkreis mit Sitz in München, den Unterdonaukreis mit Sitz in Passau, den Rheinkreis mit Sitz in Speyer, den Regenkreis mit Sitz in Regensburg, den Obermainkreis mit Sitz in Bayreuth, den Rezatkreis mit Sitz in Ansbach, den Untermainkreis mit Sitz in Würzburg und den Oberdonaukreis mit Sitz in Augsburg. Mit Verordnung vom 29. November 1837 werden die Kreise umbenannt und teilweise neu gegliedert. Die zuvor "Generalkreiskommissär" genannten Vorstände der Kreisregierung nennen sich nun Regierungspräsidenten. Bis 1929 bestehen die Kreise Oberbayern (zuvor Isarkreis), Niederbayern (zuvor Unterdonaukreis), Pfalz (zuvor Rheinkreis), Oberpfalz und Regensburg (zuvor Regenkreis), Oberfranken (zuvor Obermainkreis), Mittelfranken (zuvor Rezatkreis), Unterfranken und Aschaffenburg (zuvor Untermainkreis) sowie Schwaben und Neuburg (zuvor Oberdonaukreis). Höchste Gerichtsinstanz ist das Ober-Appellationsgericht in München.

 

Bevölkerung

Das Königreich Bayern hat 1818 eine Einwohnerzahl von 3.707.966. Bis 1852 hat sich die Einwohnerzahl um 23% auf 4.559.452 und bis 1900 um weitere 35% auf 6.176.057 erhöht. Der Anteil der Stadtbevölkerung liegt 1840 bei rund 22%. Um 1900 hat sich der Anteil der Stadtbewohner nur geringfügig auf 25% erhöht. Die Hauptstadt München ist die bevölkerungsreichste Stadt des Landes. Im Jahre 1855 zählt München 132.112 Einwohner, bis 1900 hat sich die Einwohnerzahl auf 499.932 vervierfacht. Die Mehrheit der bayerischen Bevölkerung gehört der katholischen Glaubensrichtung an. Für das Jahr 1840 werden 71% Katholiken, 28% Protestanten und 1,4% Juden angegeben. Bis zum Jahr 1900 hat sich diese Verteilung kaum verändert, lediglich der Anteil der Bevölkerung jüdischer Glaubensrichtung hat sich auf 0,9% verringert. Protestanten finden sich vornehmlich in den Gebieten um Nürnberg und Erlangen, jüdische Gemeinden in der Pfalz sowie in Mittel- und Unterfranken.

 

Wirtschaft

Bodennutzung und Landwirtschaft

Das Königreich Bayern ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch überwiegend ein Agrarland. Wichtigster Produktionszweig der Landwirtschaft ist der Getreideanbau, insbesondere Weizen. Der Kartoffelanbau nimmt vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte stetig zu. Unter den Sonderkulturen sind der Hopfenanbau und der vornehmlich im fränkischen und in der Pfalz angesiedelte Weinanbau von Bedeutung. Durch die riesigen Waldbestände kommt auch der Holzwirtschaft eine wichtige Rolle zu.
In der Viehzucht nimmt das gesamte 19. Jahrhundert hindurch die Rinderzucht eine herausragende Stellung ein. Die Zahl der Rinder steigt von 1,9 Millionen im Jahre 1810 auf 2,6 Millionen im Jahre 1854. Der Viehbestand beläuft sich Ende 1900 auf 386.642 Pferde, 3.469.163 Rinder, 760.428 Schafe, 1.757.156 Schweine, 274.575 Ziegen, 392.398 Bienenstöcke und 8.047.232 Hühner.

Bergbau

Die wichtigsten Bergbauprodukte Bayerns sind Kohle, Eisenerze, Graphit und Salz.
Die größten Steinkohlevorkommen befinden sich in der Pfalz, Oberbayern und Oberfranken. Die Gesamtfördermenge liegt 1850 noch bei 49.251t/Jahr und steigert sich bis 1907 auf 1.327.405t. Die Braunkohleförderung liegt 1860 bei 83.318t/Jahr und steigert sich bis 1907 auf 286.256t. Die ältesten Salzbergwerke finden sich in Reichenhall, Rosenheim und Berchtesgaden, Graphit vor allem in Passau. Eisenerz wird neben der Oberpfalz vornehmlich im Fichtelgebirge gefördert. 1850 liegt die Förderquote noch bei 43.680t/Jahr und steigert sich bis 1914 auf 425.900t.

Gewerbe und Industrie

Im Vergleich zu Westeuropa und auch anderen Teilen Deutschlands setzt die Industrialisierung in Bayern spät ein. Vor den 1860er Jahren gibt es lediglich kleinere Gewerbezentren in Augsburg, Nürnberg, Schweinfurt, Würzburg und München, wie die 1837 gegründete Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg, die 1838 eröffnete Aktien-Porzellanfabrik in Tirschenreuth oder das 1837/38 von J. A. von Maffei bei München errichtete Hammerwerk, in dem 1841 die erste bayerische Lokomotive gebaut wird. Die Gewerbefreiheit wird erst 1868 eingeführt. Wichtige Industriezweige sind von da an neben der Verbrauchsgüterherstellung vor allem die in Augsburg angesiedelte Baumwollindustrie, die Schuhindustrie in Pirmasens, die Glasindustrie im Bayerischen Wald, die Nahrungs- und Genussmittelindustrie in München, der Maschinenbau in Nürnberg und Augsburg, die elektrotechnische Produktion in Nürnberg, die Kugellagerfabriken in Schweinfurt, die feinmechanisch-optischen Betriebe in München und die chemische Industrie, insbesondere mit der 1865 gegründeten Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF), in Ludwigshafen.
Die Hauptwerke für die Verarbeitung von Roheisen finden sich in Oberbayern (um München), der Pfalz (St. Ingbert) und der Oberpfalz. Die Gesamtproduktion beläuft sich 1861 auf 34.719t/Jahr und steigert sich bis 1914 auf 211.579t. Die Stahlproduktion liegt 1861 bei 30.682t/Jahr und steigert sich bis 1911 auf 339.401t.

Handel

Die wichtigsten Handelsplätze Bayerns sind Nürnberg, München, Fürth, Augsburg und Ludwigshafen. Ausgeführt werden vornehmlich Getreide, Kartoffeln, Hopfen und Gemüse sowie Bier, Wein, Farbwaren, Baumwollprodukte, Glas, Spiegel, Eisenwaren, Nürnberger und Fürther Kurzwaren und Steinwaren. Die wichtigsten Einfuhrprodukte sind Kakao, Kaffee, Tabak, Tee, Südfrüchte, Öle, Farbstoffe, Baumwolle, Seide, Seidenstoffe und Eisenwaren.

Währung, Maße, Gewichte

Im Königreich Bayern wird nach Gulden zu 60 Kreuzern à vier Pfennig gerechnet.
Maße und Gewichte sind mit Ausnahme der Pfalz seit 1808 vereinheitlicht. Längenmaß ist der bayerische Fuß, Flächenmaß ist der Jauchert, als Hohlmaße gelten Kanne oder Maß. Handelsgewicht ist der Zentner.

 

Verkehr

Kunststraßen/Chausseen

Bereits 1753 hat man in der Grafschaft Oettingen mit dem Chausseebau nach französischem Vorbild begonnen; die erste fertiggestellte Strecke verbindet Nördlingen und Oettingen. 1825 ist das bayerische Straßennetz fertig ausgebaut. Es gibt 6.621km ausgebaute Hauptstraßen, davon 1.194 neu gebaute Kunststraßen.

Eisenbahnen

Auf Privatinitiative wird 1833 bis 1835 die Strecke Nürnberg-Fürth gebaut, die am 7. Dezember 1835 mit der englischen Lokomotive "Adler" als erste "Dampfeisenbahn mit Personenbeförderung" in Deutschland eröffnet wird. Es folgt die 1840 fertiggestellte Verbindung München-Augsburg. 1843 beschließt der bayerische Landtag für die Hauptstrecken des rechtsrheinischen Gebietes zum Staatsbahnprinzip überzugehen. 1851 sind von München über Hof die preußische Hauptstadt Berlin und von Nürnberg über Würzburg auch Frankfurt zu erreichen. Die Strecke München-Salzburg, welche die Verbindung nach Wien herstellt, wird 1860 vollendet. Im Jahre 1900 stehen 5.785km Eisenbahnlinie im Staatsbetrieb. Die Pfälzer Privatbahnen haben eine Gesamtlänge von 760km.

Wasserstraßen

Die wichtigste bayerische Wasserstraße ist der Main der 1850 Schiffe mit einer Tragfähigkeit bis 200t und ab 1893 bis zu 400t von Aschaffenburg bis Würzburg befördert. 1834 wird mit dem Bau eines Kanals zwischen Regnitz und Altmühl begonnen, der Main und Donau verbindet und damit den alten Kanalplan Karls des Großen, die Fossa Carolina, verwirklicht. Bauträger des so genannten Ludwigskanals ist zunächst eine vom Frankfurter Bankhaus Rothschild gegründete Aktiengesellschaft; 1852 geht der Kanal gänzlich in Staatsbesitz über. Der Ludwigskanal befördert 1850-1903 Schiffe mit einer Tragfähigkeit bis zu 200t. Die Donau, die ab Kelheim 1850 lediglich Schiffe bis 200t befördert, wird in Bayern sukzessive ausgebaut und befördert 1903 bis Passau Schiffe mit einer Tragfähighkeit von 600 bis 1200t. Die Bodenseeschifffahrt wird bis 1903 für Schiffe mit einer Tragfähigkeit bis zu 400t ausgebaut.

See- und Binnenhäfen

Bayerischer Bodensee-Hafen ist Lindau. Rheinhäfen sind Speyer und Neuburg sowie der seit 1843 "Ludwigshafen" genannte Hafen an der Rheinschanze. Bedeutende Mainhäfen sind zunächst Würzburg und Bamberg, ab 1874 auch Aschaffenburg. Am Ludwigskanal liegen die Häfen Bamberg, Nürnberg und Kelheim, an der Donau Kelheim, Regensburg und Passau.

 

Kultur und Bildung

Die Schulbildung bleibt im Königreich Bayern auch im 19. Jahrhundert konfessionell geprägt. 1856 wird die Schulpflicht auf sieben Jahre ausgedehnt. Um 1900 bestehen im Elementarschulbereich 5.178 katholische, 1.930 protestantische, 144 simultane und 86 jüdische Schulen. Zudem gibt es 42 humanistische Gymnasien, die jeweils mit einer vorbereitenden Lateinschule verbunden sind, 44 Progymnasien und 55 Realschulen. Mit München, Erlangen und Würzburg verfügt Bayern über drei Landesuniversitäten. Geistiger und kultureller Mittelpunkt des Königreichs ist München. Vor allem Ludwig I. (1786-1868) und Ludwig II. (1845-1886) prägen Bayern durch ihre Bautätigkeit und ihren Kunstsinn. Unter Ludwig I. entstehen in München unter anderem die von 1816 bis 1834 von Leo von Klenze (1784-1864) errichtete Glyptothek, ein Museumsbau für antike Plastiken, die Alte Pinakothek und die Neue Pinakothek. Außerhalb Münchens lässt Ludwig I. 1830-1842 die Walhalla bei Regensburg als "Tempel teutscher Ehre" sowie die "Befreiungshalle" bei Kelheim und das Pompejanum bei Aschaffenburg errichten. Auch entsendet er seine Bauherren zum Aufbau des neuen Athen in das seit 1832 von seinem zweiten Sohn Otto (1815-1867) regierte Griechenland. Unter Ludwig II. erfährt der Schlossbau in Bayern noch eine späte europäische Blüte. Pläne und Ausstattung der Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee bestimmt er weitgehend selbst.
Ludwig I. fördert insbesondere die Bildhauer Ludwig Schwanthaler (1802-1848), Christian Rauch (1777-1857) und Bertel Thorwaldsen (1770-1844) sowie die Maler Peter von Cornelius (1783-1867) und Wilhelm von Kaulbach (1804-1874) und widmet sich der Sammlung antiker Statuen und Gemälde. Ludwig II. setzt sich mit erheblichen finanziellen Mitteln für den Komponisten Richard Wagner (1813-1883) ein, dem er auch den Bau eines eigenen Festspielhauses in Bayreuth ermöglicht.
Um die Jahrhundertwende steht München als Kultur- und Wissenschaftszentrum durchaus in Konkurrenz zur Reichshauptstadt Berlin. In München gründet der Rheinländer Albert Langen (1869-1909) im Jahre 1896 die satirische Zeitschrift "Simplicissimus" und Georg Hirth (1841-1916) 1896 die Zeitschrift "Jugend", von deren äußerer Gestaltung sich der Begriff "Jugendstil" ableitet. In München-Schwabing kommt der Literaten-Kreis um Stefan George (1868-1933) zusammen und begründet sich 1911 die Künstlervereinigung des "Blauen Reiters", zu der Wassily Kandinsky (1866-1944), Franz Marc (1880-1916) und Paul Klee (1879-1940) gehören. Das im Jahre 1903 gegründete Deutsche Museum zählt zu den größten und bedeutendsten technischen Museen der Welt.

 

Zugehörigkeit zu Staatengemeinschaften, Zollsystemen und Zollvereinen

Bei den Verhandlungen zur Gründung des Deutschen Bundes auf dem Wiener Kongress wird das Königreich Bayern von Karl Philipp Fürst von Wrede (1767-1838) vertreten. Seit 1815 ist Bayern Mitglied des Deutschen Bundes. Im Plenum der Bundesversammlung (Bundestag) führt das Königreich vier Stimmen, im "Engeren Rat" eine eigene Stimme. Im Januar 1828 unterzeichnen Württemberg und Bayern den ab 1. Juli 1828 gültigen Vertrag über ein gemeinsames Zollgebiet, den Süddeutschen Zollverein, wobei der bayerische Rheinkreis dem Zollbündnis erst 1829 angeschlossen wird. Der Süddeutsche Zollverein schließt im Mai 1829 einen umfassenden Handelsvertrag mit dem fast gleichzeitig entstandenen Preußisch-Hessischen Zollverein. Die spätere völlige Verschmelzung der beiden Zollbünde wird dabei bereits ins Auge gefasst; sie erfolgt am 1. Januar 1834 mit Gründung des Deutschen Zollvereins. Die Exklave Kaulsdorf wird 1833 Mitglied des Thüringischen Zoll- und Handelsvereins und gehört damit 1834 ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Zollvereins. Im Deutschen Krieg 1866 kämpft Bayern auf österreichischer Seite. 1871 wird das Königreich Bundesstaat des Deutschen Reichs, kann sich aber Reservatsrechte wie eigene Diplomatie, Post und Eisenbahn, Bier- und Branntweinsteuer sowie eine beschränkte Wehrhoheit sichern. Im Bundesrat hat Bayern sechs Stimmen und entsendet 48 Abgeordnete in den Reichstag.

 

Territoriale Entwicklung ab 1914/Kulturerbe

Im November 1918 wird in Bayern die Republik ausgerufen und der König am 8. November 1918 für abgesetzt erklärt. Ludwig III. (1845-1921) verweigert die Abdankung und geht außer Landes. Die Bamberger Verfassung vom 15. September 1919 bestimmt Bayern als Freistaat. Nach einer Volksabstimmung kommt 1920 das ehemals zu Sachsen-Coburg und Gotha gehörende Coburg zu Bayern. 1933 bis 1945 übernimmt ein nationalsozialistischer Reichsstatthalter die Regierungsgeschäfte.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehört der Großteil Bayerns der amerikanischen Besatzungszone an, Lindau und die Pfalz werden jedoch der französischen Besatzungszone zugeteilt. 1946 wird die Pfalz endgültig von Bayern getrennt und dem Land Rheinland-Pfalz angegliedert. Lindau hingegen kommt 1956 zu Bayern zurück. 1949 lehnt der bayerische Landtag das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als einziger ab. Gleichzeitig beschließt er, dass das Land bei Annahme des Grundgesetzes in zwei Dritteln der westdeutschen Länder dessen Rechtsverbindlichkeit für Bayern anerkennen würde und geht somit am 23. Mai 1949 als Bundesstaat in der Bundesrepublik Deutschland auf. Heute ist Bayern mit einer Fläche von 70.549km² das größte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland und hat Ende 2003 rund 12,5 Millionen Einwohner. Landeshauptstadt ist München.
Das 1983 eingerichtete Haus der Bayerischen Geschichte mit Verwaltungssitz in Augsburg widmet sich mit Ausstellungen in allen bayerischen Landesteilen der bayerischen Geschichte. Das ehemalige Münchner Residenzschloss wird heute ebenso wie Schloss Nymphenburg überwiegend für repräsentative Zwecke, Konzerte und Ausstellungen genutzt. Die von Ludwig I. eingerichteten Kunstsammlungen in der Glyptothek, der neuen und der alten Pinakothek sind bis heute der Öffentlichkeit zugänglich. Der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Deutschen Museums dauert bis 1967 an. Die 1811 erbaute bayerische Staatsoper wird 1943 durch Bomben zerstört, aber nach Ende des Krieges originalgetreu wieder aufgebaut. Die ehemalige fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, die südbayerische Wieskirche und die Stadt Bamberg zählen seit 1981, bzw. 1983 und 1993 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

 

Verwendete Literatur